Erfahrungsberichte / Portraits

"Ich wollte so weitermachen wie bisher"

Dimitry, 22 Jahre, ein älterer Bruder

Obwohl ich wusste, dass meine Mutter einen Untersuchungstermin beim Frauenarzt hatte, weil der Verdacht auf Brustkrebs bestand, erfuhr ich von der Diagnose erst einen Tag später. Ich erinnere mich noch, wie ich an dem Tag bei einem Freund übernachten wollte und nur kurz zusamme mit ihm zu Hause war. Meine Mutter kam mir sehr glücklich vor, weshalb ich davon ausging, dass alles gut sei. Fragen wollte ich sie vor meinem Freund allerdings nicht. Als meine Mutter mich an nächsten Tag von dort abholte, erzählte sie mir im Auto von der Diagnose. Ich war geschockt, obwohl es mich ja nicht unvorbereitet traf. Mein erster Gedanke war: Wie sieht meine Mutter wohl mit Glatze aus? Gleichzeitig war ich mir sicher, dass sie den Krebs überleben würde. Mir war klar, dass ich ab sofort mehr im Haushalt tun musste, und das wollte ich auch.

Meine Mutter hat meine Hilfe immer sehr gerne angenommen. Soweit es mir möglich war, habe ich sie auch emotional unterstützt. Sie war sehr zuversichtlich, was die Heilung anging, und die Ärzte sagten, die Chancen seien gut. Trotzdem kamen mit den Behandlungen auch Unsicherheit und Zweifel. Uns wurde damit das Ausmaß der Krebserkrankung bewusster.

Heute, nach sechs Jahren, ist der Brustkrebs in den Hintergrund getreten. Über gesundheitliche Probleme spreche ich inzwischen lieber mit meinem Vater als mit meiner Mutter, weil sie empfindlicher geworden ist und sich eher Sorgen macht.

Mit meinen Freunden konnte ich damals nicht so gut reden. Wollte ich aber auch gar nicht. Für mich war es besser so, weil ich in ihrer Gegenwart die Krankheit meiner Mutter vergessen konnte. Das war für mich eine große Hilfe, denn so gab es einen Ort, an dem ich sorgenfrei war und sein konnte. Einmal sagte einer meiner Freunde, dass meine Mutter sicher nur deshalb Brustkrebs bekommen hat, weil sie in ihrer Jugend gelegentlich geraucht hat. Das hat mich sehr verletzt, und es ist auch völliger Blödsinn. Ich habe gemerkt, dass mein Freundeskreis mit der Situation überfordert war. Am Anfang fragten sie mich ein bisschen was, um sich über den Zustand meiner Mutter zu informieren. Aber da ich eh nicht viel darüber reden wollte, haben sie bald wieder damit aufgehört. Sie hätten mich nur bemitleidet – und das war das letzte, was ich von ihnen hätte erfahren wollen.

Ich hatte nie das Bedrüfnis, mich mehr über Krebs zu informieren. Einiges wusste ich schon vorher, und wenn ich etwas wissen wollte, fragte ich meine Eltern. Das hat gereicht.