Erfahrungsberichte / Portraits

„Ich hatte immer gedacht,
Brustkrebs betrifft nur andere“

Franziska, 15 Jahre, eine ältere Schwester

Ich kann mich noch ganz genau an den Tag erinnern, an dem ich vor vier Jahren von der Diagnose erfahren habe. Ich kam gerade aus dem Schwimm-Trainingslager, meine Eltern sollten mich und meine Schwester abholen. Aber sie kamen und kamen nicht. Stattdessen wurden wir von anderen Eltern mitgenommen. Sie sagten uns, dass unsere Eltern heute nicht kommen könnten. Ich habe mich zwar gewundert, mir aber keine weiteren Gedanken darum gemacht. Am Abend, als ich dann zuhause war, haben wir Abendbrot gegessen und Scherze gemacht. Doch dann meinte meine Mutter, dass sie mit uns etwas besprechen müsse. Tja, und dann hat sie mir und meiner Schwester erzählt, dass sie Brustkrebs hat und dringend operiert werden muss.

Ich weiß noch genau, wie geschockt ich war. Ich saß stocksteif da und konnte nichts mehr sagen, nichts mehr fühlen, ich wusste nicht, wie es mir damit ging. Natürlich hatte ich schon von Brustkrebs gehört, aber ich dachte immer: das betrifft nur andere. Und jetzt war es meine Mutter. Mich hat das alles total überrollt, und als mein Vater das merkte und aussprach, musste ich weinen.

Danach brauchte ich erst einmal ein paar Tage allein und nur für mich, um den Schock zu verarbeiten . Aber ziemlich schnell danach wollte ich gerne wieder mit anderen darüber reden und mich austauschen. Mit meiner älteren Schwester habe ich allerdings nicht sehr viel darüber gesprochen. Ich weiß auch nicht, warum.

Meine Freunde konnten mir nicht wirklich helfen. Sie wussten auch nicht, wie sie mit der Nachricht umgehen sollten. Damals war ich enttäuscht darüber, aber im Nachhinein kann ich es nachvollziehen. Es fiel ihnen wahrscheinlich genauso schwer zu verstehen, was Krebs bedeutet. Wenn man nicht direkt mit der Krankheit konfrontiert wird, hat man immer eine gewisse Distanz dazu und bekommt nur schwer einen eigenen Bezug dazu.

Mit wem ich sonst noch gesprochen habe, weiß ich nicht mehr genau, aber es war eigentlich immer jemand da. Ich denke, ein großes Problem besteht darin, dass es für solche Situationen keine genauen Vorgaben gibt, an die man sich halten kann. Ich kann auch nicht mehr genau sagen, was ich mir damals gewünscht habe. Aber ich denke, wenn man jemanden tröstet und ihm sagt, dass bestimmt alles wieder gut wird, hilft das in dem Moment auf jeden Fall.

Klar hab ich mich irgendwann gefragt: Was mache ich, wenn meine Mutter stirbt? Diese Angst ist dann aber relativ schnell wieder vorbeigegangen. Die Ärzte sagten, sie hätte gute Heilungschancen. Auch die Freunde meiner Mutter beruhigten mich: Es wird schon nichts passieren. Das habe ich gerne angenommen. Solche Worte haben mir geholfen, weil alles dann nicht mehr gar nicht so schlimm erschien.

Zur Krankheit selbst wurde mir erstmal nicht viel erklärt. Allerdings hat mich das damals auch nicht so stark interessiert. Später habe ich mich selbst im Internet und über Bücher informiert, und manches konnten mir auch meine Eltern sagen. Trotzdem hatte ich noch viele Fragen: Woher kommt Brustkrebs? Warum hat es gerade meine Mutter erwischt? Bin ich selbst auch gefährdet? Was passiert im Körper, wenn Krebs entsteht? Mit meinen Eltern konnte ich darüber immer sprechen.

Durch die Krankheit habe ich angefangen, mich mehr für Biologie zu interessieren. Wenn wir in der Schule über Bakterien oder Infektionskrankheiten geredet haben, habe ich immer besonders aufgepasst. Das finde ich einfach sehr spannend. Ich könnte mir auch vorstellen, mich später beruflich mit solchen Themen zu beschäftigen.

Unser Familienleben hat sich nicht grundlegend verändert, aber in einigen kleinen Dingen schon. Mein Vater hat zum Beispiel angefangen, mehr im Haushalt zu tun, und ich habe auch selber mehr gemacht. Meine Mutter wollte anfangs nicht so viel Hilfe annehmen, aber ich wollte ihr einfach helfen, und das will ich auch heute noch. Wenn sie etwas Schweres zu tragen hat, nehme ich ihr etwas ab, damit sie ihre Brust nicht zu stark belastet.

Meine Mutter geht jetzt entspannter an alles heran, und sie genießt ihr Leben mehr als früher. Dadurch ist unser Zusammenleben auch entspannter – jedenfalls, soweit das im Moment möglich ist. Nicht nur meine Mutter ist ruhiger und nachdenklicher geworden, sondern auch ich. Die Krankheit steht nicht mehr im Mittelpunkt unseres Lebens, aber ich denke schon noch oft darüber nach, vor allem, wenn ich alleine bin.

Gar nicht umgehen kann ich mit Witzen über Krebskranke. Solche Äußerungen machen mich wütend, traurig und betroffen. Ich denke mir dann immer: Es kann doch jeden treffen, wie kann man darüber Witze darüber machen? Die meisten wissen einfach gar nicht, wovon sie da reden.