Erfahrungsberichte / Portraits

„Diese Krankheit hat mein Leben stark beeinflusst.“

Moritz B., 18 Jahre, Schüler, keine Geschwister

Als ich von der Krankheit meiner Mutter erfuhr, war ich 15 Jahre alt. Das war im Februar 2007. Sie sagte, sie wolle in Ruhe mit mir reden. Dabei kam heraus: Wahrscheinlich hat sie Brustkrebs. Genaueres sollten noch weitere Untersuchungen ergeben.

Zuerst konnte ich es überhaupt nicht fassen. Ich begriff nicht, was das heißt: Brustkrebs. Erst nach einer Woche und mehreren Gesprächen wurde mir schlagartig klar: Das ist eine tödliche Krankheit!

Dann stiegen auch Angst und Trauer in mir hoch – meine Mutter schwebte in Lebensgefahr! Gleichzeitig habe ich aber auch gespürt: Jetzt muss ich eigenständig werden, ich muss auf eigenen Füßen stehen, mein Leben selber in die Hand nehmen, weil nicht immer jemand da sein wird, der mich versorgt.

Alles Weitere kam schubweise. Zuerst stellte sich heraus: es ist wirklich Brustkrebs. Danach erfuhren wir, dass es richtig schlimm war: der Tumor ist sehr bösartig – Grading 3. In dieser Zeit haben wir uns von Diagnose zu Diagnose gehangelt. Ich habe nicht so oft an die Zukunft gedacht oder an das, was werden könnte, sondern immer nur an den nächsten Befund. Und daran, ob er uns Hoffnung bringt.

Mit Brustkrebs selbst habe ich mich anfangs nicht wirklich auseinandergesetzt. Als meine Mutter erkrankte, wusste ich nicht viel über die Krankheit. Meine Mutter hat mir zwar das Wichtigste erklärt, auch die möglichen Folgen.

Das, was die Krankheit nach sich zieht, die Folgen, interessierte mich mehr als die Krankheit selbst. Viel zu wissen ist ja nicht per se beruhigend. Erst als ich mit 17 in der Schule ein Referat über Brustkrebs gehalten habe, habe ich mich intensiver mit der Krankheit auseinandergesetzt. Erst dann habe ich mich ganz ausführlich informiert und auch viel mit meiner Mutter über die Krankheit gesprochen. Jetzt, mit 18, weiß ich ziemlich viel über Brustkrebs.

Durch die Krankheit meiner Mutter wurde unser Verhältnis viel entspannter. Heute streiten wir uns viel weniger als früher, und wenn die Spülmaschine mal nicht gleich ausgeräumt ist, regt sich niemand mehr auf. Während meine Mutter im Krankenhaus war, haben mich meine Freunde sehr unterstützt. Sie haben mir gleich ihre Hilfe angeboten – einfach nur zum Reden, für eine Übernachtung oder ein gemeinsames Essen. Sie haben mich auch bei Krankhausbesuchen öfter begleitet.

Ich habe in dieser Zeit gemerkt, dass ich nicht unbedingt auf meine Mutter angewiesen bin. Dass ich auch Dinge selber erledigen kann (z. B. kochen und mich selber versorgen). Außerdem bin ich seitdem viel selbstständiger und gelassener. Früher habe ich mich immer fürchterlich aufgeregt, wenn mir mal was verloren ging oder ich etwas vergessen hatte. Heute denke ich zweimal nach und überlege, ob das Ganze wirklich so tragisch ist, wie es mir scheint.

Das Leben ist für mich kostbarer geworden. Genau wie für meine Mutter. Damals, als wir die Diagnose bekamen, habe ich noch nicht realisiert, wie stark mich die Krankheit prägen würde. Erst jetzt im Nachhinein kann ich es besser erfassen. Aber so richtig gegenwärtig ist mir das alles immer noch nicht. Vielleicht ist das eine Art Schutzmechanismus: Nicht immer an Dinge denken, die wehtun und verletzen könnten.

Glücklicherweise hat sich alles zum Guten gewendet. Meine Mutter ist wieder gesund, auch wenn wir wissen, dass die Krankheit wiederkommen kann. Ich bin froh, wenn ich mich nicht die ganze Zeit mit dem Thema “Brustkrebs“ befassen muss. Die Krankheit hat kein so großes Gewicht mehr.