Erfahrungsberichte / Portraits

„Die Krankheit ist jetzt kein endgültiges Urteil mehr,
sondern eher eine Hürde, die es zu meistern gilt."

Roberta, 20 Jahre, eine ältere Schwester (25)

Brustkrebs war in unserer Familie schon immer ein Horror-Thema. Meine Urgroßmutter hatte ihn, meine Oma und auch deren Schwester. Und jetzt also auch meine Mutter. Sie hatte mir schon von dem Verdacht erzählt, aber nur kurz auf dem Heimweg am Telefon, da sagte sie, es sei nichts bei der Untersuchung rausgekommen. Erst als sie zuhause war, hat sie mir erzählt, dass die Diagnose feststeht, und dass sie Brustkrebs hat.

Damals war auch eine sehr gute Freundin meiner Mutter bei uns. Sie sagte nur: „Dieser Scheiß-Krebs“. Da wurde mir erst bewusst, was für ein Abgrund sich auftat. Vorher hieß es immer nur „die schlechte Diagnose“ oder „Krankheit“. Jetzt war es Krebs. Ich war total geschockt. Wegen meiner Oma hatten wir natürlich schon oft über Krebs geredet. Ich wusste, was die Krankheit ist, aber ich wusste nicht, wie man sie heute behandelt. Also habe ich mich im Internet schlau gemacht und auch mal bei der Arbeit gefragt. Ich mache eine Ausbildung zur medizinischen Fachangestellten, da stehen mir gute Lehrbücher zur Verfügung. Allerdings war das dann die unsensible Variante, weil dort nur knallharte Fakten stehen. Die will man in dieser Situation so nicht bekommen.

Für mich ist nach der Diagnose eine Welt zusammengebrochen. Ich dachte, dass meine Mutter sterben muss. Ich dachte, dass ich dann auch sterben muss, und dass dieses Gefühl von Angst und Traurigkeit nie weggeht. Mittlerweile nehme ich Medikamente gegen Depressionen. Das war damals wohl nicht nur der Schock dieser Diagnose, ich war auch allgemein nicht so stabil.

Meine Mutter hat sich dann sehr verändert. Sie hatte Angst und fing unkontrolliert an zu weinen. Ihre ganze Familiengeschichte holte sie wieder ein. Ich glaube, sie war in der ersten Woche überzeugt, dass sie bald sterben muss. Sie hat mir dann immer alles auf so eine „mein Kind, ich gebe dir jetzt meinen letzten Rat“-Art gesagt. Wahrscheinlich unabsichtlich, sie hatte starke Stimmungsschwankungen. Und sie hat viel aus ihrem Leben erzählt.

Ich hatte in der Berufsschule dann einen totalen Durchhänger, den habe ich aber inzwischen wieder aufgeholt. An meiner Ausbildungsstelle war es ganz anders. Die Arbeit hat mich abgelenkt, deshalb konnte ich mich super konzentrieren und habe große Fortschritte gemacht.

Als meine Mutter die Leute von mamazone kennen gelernt hat, ging es ihr besser. Sie hat wieder Mut bekommen und sich dem Brustkrebs gestellt. Das war dann schon wieder fast zu viel. Es ging gar nichts mehr ohne Brustkrebs. Selbsthilfebücher hier, CDs da, und natürlich wurde Musik von der Sängerin mit – na? genau: – Brustkrebs gehört. Der Krebs war überall. Inzwischen hat sich das gelegt. Er ist nicht mehr das Hauptthema, und meine Mutter ist ruhiger geworden. Vor der Krankheit war sie sehr hektisch. Inzwischen kann sie sich auch mal Ruhe gönnen und ist mit sich im Reinen. Ich glaube, sie hat jetzt keine Angst mehr.

Wenn ich Fragen hatte, konnte ich immer gut mit meiner Mutter reden. Sie nimmt da kein Blatt vor den Mund. Das finde ich gut, weil ich so immer weiß, dass sie ehrlich zu mir ist. Die Freunde meiner Mutter haben oft versucht, mich und meine Schwester zu trösten. Aber das hat nie funktioniert. Sie haben nie die richtigen Worte gefunden, sondern alles eher nur noch schlimmer gemacht. Auch meine beste Freundin hat mich sehr enttäuscht. Sie wusste gar nicht, wie sie reagieren sollte und wollte nichts von meinem Kummer wissen.

Umso mehr hat mir damals mein Freund geholfen. Er hat mich in den Arm genommen und einfach weinen und jammern lassen. Das hat sehr gut getan. Ich wusste, dass er immer für mich da ist. Mit ihm und meiner Schwester konnte ich am besten reden. Über die Angst, dass meine Mutter stirbt, oder wie wir uns in bestimmten Situationen verhalten sollten. Oder darüber, wie meine Mutter sich verändert. Aber auch, wie wir uns abgrenzen können, ohne jemanden vor den Kopf zu stoßen. Oft war ich einfach sauer, wenn sich die Dinge veränderten und ich nichts daran tun konnte.

Diese Gespräche waren alle sehr hilfreich. Aber auch mal unter Leuten sein, wo das nicht Thema ist, war gut. Da musste ich dann einfach nicht darüber nachdenken. Im Nachhinein finde ich es wirklich blöd, dass alle immer so reagiert haben, als müsste meine Mutter jetzt bald sterben. Man hätte mir doch auch mal sagen können, wie unterschiedlich Brustkrebs verläuft, und wie viele Frauen gesund werden.

Inzwischen hat der Krebs seinen Schrecken ein bisschen verloren. Ich glaube mehr an das Leben und dass man es schaffen kann, auch wenn nicht alles nach Plan läuft. Ich mache jetzt mehr mit meiner Familie, besonders meiner Schwester stehe ich sehr nahe. Ich verbringe meine Freizeit weniger vor dem Fernseher und sitze lieber in der Küche und ratsche gemütlich. Meinen Freundeskreis habe ich auf die wichtigsten Menschen beschränkt. Auf diejenigen, die mir etwas geben und mich unterstützen. Nicht nur andersherum.

Meine größte Angst war immer, dass meine Mutter krank wird. Jetzt ist es passiert und sie kommt wunderbar damit zurecht. Das beruhigt und stärkt mich. Wir sind rücksichtsvoller miteinander geworden, lassen uns auch unsere Macken. Ich zum Beispiel ihre durch Medikamente und die Wechseljahre bedingten Verrücktheiten. Und sie lässt mir meine. Die Krankheit ist kein endgültiges Urteil mehr, sondern eher eine Hürde, die es zu meistern gilt.